BIMEDICAL-Icon Übertriebene Sauberkeit macht krank

Glücklicherweise haben wir in Europa die katastrophalen Hygienezustände weit hinter uns, die Patrick Süßkind in seinem Roman „Das Parfüm“ so treffend beschreibt. Keine Kloaken in der Straßengosse, keine von Ratten übertragenen Seuchen mehr. Daß wir heute länger leben, ist nicht zuletzt der Erfindung von Reinigungs- und Desinfektionsmitteln zu verdanken.

Aber ich weiß nicht, ob uns allen bewußt ist, daß diese schrecklichen Zustände längst vorbei sind. Wenn ich heute bei vielen Menschen den exzessiven Verbrauch von Desinfektions- und Reinigungsmitteln sehe, habe ich doch ernstlichen Zweifel daran. Fast möchte man meinen, es drohten schwerste Krankheiten, wenn nicht die letzte Mikrobe in unseren vier Wänden getilgt ist. Sollten auch Sie dieses fragwürdige  Hygieneziel haben, sind Sie damit ganz sicher auf dem Holzweg. Denn je aggressiver Sie vorgehen, um so größer wird das Problem. Der TV-Werbespot, der eine entspannt und freudig zuschauende Mutter darstellt, während ihr Kleinkind sich gerade am Toilettenbecken hoch hangelt, zeigt das exemplarisch. Die Werbung verspricht nämlich, daß das Reinigungsmittel XY fast alle Keime abtötet. Fast alle – das ist aber genau das Problem! Die resistenten Keime überleben, während die uns schützende allgemeine Keimbesiedlung vernichtet wird. Ein klassischer Pyrrhussieg – den Kampf gewonnen, die Schlacht verloren.

So wie wir im Darm eine schützende Darmflora zum Überleben brauchen, so bewahrt uns auch eine Population von Schmutzkeimen auf unserer Haut und in unserem weiteren Umfeld vor der ungezügelten Ausbreitung von Krankheitserregern. Die übertriebene Anwendung von Reinigungs- und Desinfektionsmitteln provoziert geradezu Erkrankungen. Insbesondere Hauterkrankungen entstehen durch Störung des schützenden Keim- und Säuremantels. Deshalb sollten wir genau abwägen, wo und wie intensiv wir diese Mittel einsetzen. Selbstverständlich sollte die tägliche Wäsche des Anal-und Intimbereichs sein. Ebenso wichtig ist die wiederholte tägliche Reinigung der Hände, da der intensivste Keimkontakt bekanntlich auf der Toilette und beim Händeschütteln entsteht. Dafür benötigen wir jedoch keine Desinfektion, da Seife oder seifenfreie Syndets völlig ausreichen. Und unsere Kinder sollten sich ruhig einmal eindrecken, statt zuhause am PC zu sitzen.

Mein Großvater auf dem elterlichen Bauernhof pflegte mir früher immer zu sagen: „ Junge, wasch Dich nicht so viel, du wirst sonst krank“. Er hatte gewiß nicht unrecht damit. Natürlich ist das heute nicht mehr zeitgemäß und gewissermaßen ein Extrem. Aber täglich unser Bad komplett zu desinfizieren oder täglich mehrmals zu duschen ist sicher das andere Extrem.

Die goldene Mitte scheint angemessen, meinen Sie nicht auch?

( veröffentlicht im Stormarner "Rundum Magazin" 3/2007 )